Träume

Traum:
8. Mai 2004
Julian war um die 10 Jahre alt, er wusste, dass er sterben musste. Gefasst und ruhig suchte er sich seine Kleidung aus, eine Jeansjacke war dabei, er lächelte. Paul ließ ein Bad ein, Anna zog Julian aus und stieg mit ihm in die Wanne. Sie hielt ihn wie ein Baby im Arm und wiegte ihn sanft im warmen Wasser. Julian schmiegte sich an Anna, schloss die Augen und starb.

Traum:
13. Juni 2004
Auf dem Weg zu Julians Grab begegnete Anna einer aufgeregten Menschengruppe. Anna versuchte, ohne aufzufallen daran vorbeizugehen. Kurz sah sie nach rechts, grüßte hastig und bemerkte eine befreundete Ärztin. Auch von ihr wollte sie unbemerkt bleiben. Am Friedhof stand eine riesige Leichenhalle, gefüllt mit vielen Gräbern. Julians Grab befand sich ebenfalls dort, es war vollkommen mit Wasser überschwemmt. Die Gruppe war Anna gefolgt. Sie hörte eine aufgeregte Stimme: „Das ist Julians Grab, es ist auch überschwemmt!“ Der Sarg schaukelte im Wasser, der Deckel war weg, Julian lag darin, genau so, wie sie ihn damals tot gefunden hatte. Auf einmal bewegte er seinen Mund, alle erstarrten. Anna stand davor und rief:„Julian lebt!“ Die Ärztin beugte sich zu ihm und hauchte ihn an. Julian hustete ein paar Mal dezent, machte die Augen auf, das Blut im Körper begann zu pulsieren. Er sah die Menschen lächelnd an. Wieder vernahm Anna eine Stimme: „Ich kenne auch einen Menschen, der wieder lebendig wurde.“ Anna erblickte in der Menge einen Freund, dessen Sohn drei Monate nach Julians Tod gestorben war. Der verwaiste Vater schenkte ihr einen tiefen Blick. Dann nahm sie Julian in die Arme, drückte und küsste ihn und fühlte sich als der glücklichste Mensch der Welt. Neugierig wollte Anna wissen, wie es drüben sei. Der geschwächte Julian bat um etwas Geduld.

Anna erwachte aus ihrem Traum. Als sie realisierte, dass sie geträumt hatte, sank sie voller Traurigkeit in ihr Kissen zurück und schlief wieder ein. Sie träumte die Fortsetzung weiter:

Anna und Paul übersiedelten in eine Wohnung mit zwei großen, leeren Räumen. Kleidungsstücke lagen verstreut herum, die Küche stand halb im Freien, alles hatte einen schäbigen Touch. Das dazugehörende Grundstück bestand aus lauter Abhängen. Als Anna vor die Haustüre trat, traf sie eine Freundin der Mutter. Irritiert über Annas Fröhlichkeit wurde diese ins Haus gebeten. Anna erzählte von dem Wunder und führte sie zu Julian. Teilnahmslos saß er da, ließ sich von seiner Oma füttern und wickeln. Anna fiel es wie Schuppen von den Augen: Julian hatte eine geistige Behinderung, darum konnte er nichts von drüben erzählen. Anna hatte sich Julian sehnlichst herbeigewünscht. Als hätte sich ein Fluch über diesen Wunsch gelegt: Da hast du deinen Sohn, der Preis dafür ist seine Behinderung. Anna drückte Julian an sich, sie wusste nicht genau, was ihr lieber gewesen wäre. Die Eingeschränktheit eines solchen Lebens wurde ihr soeben bewusst.

Traum:
24. August 2004
Julian als kleiner Junge lag dicht an Anna gekuschelt und schlief. Auf einmal stand er auf, ging auf die andere Seite zu Paul, der seine Tuchent hob. Julian schlüpfte zu ihm hinein, Paul deckte ihn und sich zu.

Traum:
6. Mai 2006
Julian und Mara waren ungefähr 5 und 8 Jahre alt. Julian hatte einen blauen Pyjama an, Mara eine rosaroten. Eng beieinander lagen sie da, Anna deckte sie zu. Sie war glücklich, dass die beiden sich mochten.

Traum:
27. August 2006
Julian sagte zu Anna, dass sie nicht so viel weinen solle, dass es ihm gut gehe. Er legte sich in eine längliche Reisetasche, die an einen Sarg erinnerte, lächelte und machte den Reißverschluss zu.

Traum:
Mittwoch, 11. Juli 2007
Anna hatte das Gefühl, aus ihrem Körper zu gehen. Eine Angst begleitete sie. Sie redete sich ein, dass nichts Schlimmes passieren wird. Plötzlich fand sie Gefallen am Schweben. Sie kam zu einer Türe, die sich öffnete. Dahinter stand ein Mann mit nacktem Oberkörper. Anna dachte, das sei Paul. Als sie näher kam, erkannte sie ihren Julian. Er war ungefähr 17 Jahre alt, seine Augen leuchteten, er lächelte. Annas Herz erwärmte sich. Sie nahm ihren Sohn in die Arme, sie spürte ihn so sehr. Julian erwiderte ihre Umarmung und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist die beste Mama auf der Welt. Weißt du, ich muss jetzt gesund werden.“ Anna wollte ihn fragen, ob er krank sei. Sie brachte jedoch keinen Ton heraus, obwohl ihr Mund die Worte formulierte. Julian verschwand, als würde er sich auflösen. Zurück blieb ein wunderbares Gefühl.

Traum:
15. März 2009
Anna fand Julian nackt, nass und kalt unter der Tuchent im Bett.Er war ca.10 Jahre alt. Sie trocknete ihn ab, steckte ihn in einen Pyjama, umarmte und herzte ihn. Als er angezogen vor ihr stand, wirkte er plötzlich älter. Wir müssen dir einen neuen Pyjama kaufen, sagte Anna. Sie war überaus glücklich und zufrieden. Ihre Welt hatte wieder gestimmt.

Traum:
Julian lief Anna entgegen. Sein Gang kam ihr eigenartig vor. Als sie auf seine Füße blickte, sah sie, dass die Fußspitzen leicht gebogen nach unten zeigten. Anna sagte zu Julian, dass er unbedingt zum Orthopäden müsse. Er sah seine Mutter entgeistert an. Auf einmal begriff Anna, dass ihr Sohn nicht ging, sondern schwebte.