Der erste Besuch beim Medium

Am 21. Oktober 2004 besuchte Anna zum ersten Mal ein Medium. Ihr Astrologenfreund und Kristin hatten ihr diese Frau empfohlen. Etwas aufgeregt klingelte Anna an der Tür. Celine wirkte zerbrechlich und hatte etwas Feines an sich. Das lange Haar zurückgesteckt, dezent geschminkt, durchflutet von einem leicht alternativen Touch. Sie führte Anna in ein kleines Zimmer. Celine bot ihr einen Korbsessel an, bevor sie sich in einem Schaukelstuhl niederließ. Der Duft von Räucherstäbchen durchströmte den Raum, von flackerndem Kerzenlicht ging Beruhigung aus. Was der Grund ihres Besuches sei, fragte Celine. Und Anna erzählte von ihrem Sohn. Warum er gegangen sei, wie es ihm gehe, wo er sich nun befinde, wollte sie wissen. Warum Julian den Exfreund ihrer Tochter besucht hatte und nicht sie. Die Bedeutung der unzähligen Träume interessierte sie. Ob Anna wisse, was sie erwarte, fragte Celine. „Kristin hat mir ein wenig erzählt, für mich ist es der erste Kontakt mit einem Medium“, antwortete sie. „Ein Begleiter eines Ihrer früheren Leben, ein Engel oder ein anderer geistiger Führer spricht durch mich“, klärte sie Anna auf. „Ich werde alles auf Band aufnehmen, die Cassette bekommen Sie mit.“ Nach dieser knappen Einführung schaltete Celine Musik mit meditativen Klängen sowie ihr Aufnahmegerät ein, setzte sich bequem in ihren Stuhl und atmete sich in eine Art Trance. Nach kurzer Zeit richtete sie sich auf, drehte die Musik ab und fing zu sprechen an. Sie redete schnell, verwendete Wörter, die man in der heutigen Zeit nicht mehr gebraucht, die eigenartige Satzstellung hörte sich befremdlich an.
   „So, du tiefe, geehrte, geliebte Seele du. Da sei genommen hier die Sprache, die dein Herz findet, die dein Wort findet, dein inneres Wort der Liebe. Es ist dir einstmals vertraut gewesen meine Wesenheit in der Erde, als Theresa. Und so waren wir also diejenigen, die etwas taten, wo du nun wieder den Zuruf findest. Die da waren in der Begleitung derjenigen, die da waren liegend in Hospitalen, die da waren in Krankheiten, die waren in Schmerzen und die da gehen wollten von der Erde und die Beängstigung trugen und dieses ist, was wir taten, sie zu begleiten.“
   Eine gewisse Theresa sprach also zu ihr, eine Kollegin oder Freundin aus einem früheren Leben. Sterbebegleitung nennt man ihr Wirken in der heutigen Zeit. Womöglich war diese Erfahrung ausschlaggebend für mein intuitives Handeln am Sterbebett meiner Mutter, vermutete Anna.
   „So, was also geschehen ist, Seele, ist, dass ich dir ein Konstrukt erklären möchte. Ein Konstrukt, in das ihr, sowohl dein Sohn als auch die anderen mit dir in dieser Familie verbunden seid. So dass ihr zusammen kreiert habt eine Form eines gemeinsamen Lebens hier in der Erde, wo ihr euch gegenseitig in Berührung, in Bewegung versetzt.“
   Anna konnte sich schwer entspannen, ein wenig unheimlich fand sie die Situation, Bedenken stellten sich ein, ob das alles einen Sinn ergeben würde. Als sie zum ersten Mal das Wort „Sohn“ aus dem Mund des Mediums vernahm, verkrampfte sie sich vor Anstrengung, um ja alles zu verstehen.
   „Seele, der Sohn, der da gegangen ist, ist letztendlich wie ein Liebender zu dir, so wie du Liebende zu ihm bist. Ihr habt euch geschult, ihr habt euch gelehrt, ihr habt da das Leben in gewisse Erweiterungen getragen. Und letztendlich ist dieser Schritt, auf ein in der Erde betrachtet, ein seltsamer. Es ist ein Akt dessen gewesen, dass seine Entscheidung, und die Entscheidung ist lange schon ein gewisser Zeitpunkt, der auch irgendwie in seinem Rund, seines Aufenthaltes seit Beginn der Erde sich bewegt hat, er dieses entschieden hat, lange schon. Also ist diese Entscheidung zu gehen, eine, die dieser kreiert hat in seiner eigenen Stofflichkeit. Es ist etwas, was du nicht verändern konntest, was niemand verändern konnte. Es ist die Freiheit einer jeden Seele zu kommen, und es ist die Freiheit einer jeden Seele zu gehen.“
In dem Moment, wo Julian auf die Welt gekommen ist, stand also der Zeitpunkt, wann er diese wieder verlassen würde, bereits fest. Ich hatte gar keine Chance, seinen Tod zu verhindern, schoss es Anna durch den Kopf.
   „Und das Gehen ist etwas, was in eurer Erde als Trauer und Melancholie und als tiefer Schmerz empfunden wird. Wenn du es von der Energie seiner Ganzheit betrachtest, ist es so, dass dein Sohn gegangen ist in eine Welt, die weit umfassender, weit heller, weit lichter, weit liebevoller ist, als ihr es augenblicklich auf der Erde erlebt. Also siehe, er ist gegangen wie nach Hause, nach Hause in eine Ebene und dieses ist, wo er sich befindet augenblicklich. Geliebte, er befindet sich in einer Stätte, einem Sternenprinzip, von dem er einstmals aufgebrochen ist, zu diesem Prozess der Erde. Und es ist dieses, was du sehen kannst am Himmel als Plejadisches Prinzip. Es ist dieses, was in den Indianermythologien als das Sieben-Gestirn benannt wird, und es ist diese Seele deines Sohnes viele Male inkarniert gewesen in indianischen Kulten. Es ist, dass diese aufgebrochen ist aus diesem Plejadischen Prinzip zu diesem Erdenboden und dieser Erde und diesem Familienprinzip und es sollte seine eigene Erfahrung sein, hier in gebührenden Auftrag zu geben und dieses ist vollzogen. Er hat vollzogen sein Lebenswerk, was er tun wollte.“
   Anna hatte vom Sieben-Gestirn noch nie etwas gehört. Sie seufzte jedoch vor Erleichterung, als sie die Attribute seiner neuen Heimat vernahm. Julian war fertig in der irdischen Welt, hatte seine Aufgaben erfüllt und sie deshalb verlassen.
   „Es ist, wie du sehen mögest, was geschehen ist, seit dieser gegangen ist. Da bist du viele Male in Bereiche eingetaucht, mit denen du dich lange nicht beschäftigt hast. Es sind Bereiche in deiner Seele, es sind Bereiche der Anbindung an den Geist, es sind Bereiche deiner Wahrheit. Und so sehe und verstehe die Gefüge derjenigen Liebenden miteinander in der Erde und über die Räume hinweg. Sie sind vielgestaltig, aber sie sind immer aus der Liebe entstanden. So, ich weiß, dass aus der Erde betrachtet ein Gehen immer Schmerz bedeutet, Seele. Und ich spreche es trotzdem vom Abstand der Erde, ich spreche es aus meiner Wahrnehmung. Aus meiner Wahrnehmung des Geistes und ich sehe dieses, dass dein Sohn ist in einer Form von Glückseligkeit, ich sehe ihn unter denen, die seine Brüder und seine Schwestern lange waren und nun wieder sind in der Vertrautheit. Ich sehe, wie er seine Wege geht in einer Form, die da weit umfassender, weit unendlicher, weit tiefer in der Liebeserfahrung ist, als eure Erde sie augenblicklich empfinden kann. Ich sehe, dass er glücklich ist, Seele und das ist dies, was ich dir als Botschaft geben möchte.“
   Bei dem Gedanken eines vor Glück strotzenden Sohnes wurde Anna warm ums Herz. Bei der Vorstellung, dass er diese Glückseligkeit mit anderen teile, ertappte sie sich bei einem Anflug von Eifersucht.