Julians Geburtstag

Am 18. Dezember 2003 wäre Julian 24 Jahre alt geworden. Er wäre zu Weihnachten nach Hause gekommen, und sie hätten seinen Geburtstag im Kreise der Familie nachgefeiert. Er wäre im Mittelpunkt gestanden und wäre glücklich gewesen, denn er liebte es zu feiern. Wäre, wäre, wäre. Anna begann dieses Wort zu hassen. Seine Geburtstagsgeschenke lagen verpackt in seiner Wohnung. Die braucht er nun nicht mehr. Sie sah seine Mimik beim Ratespiel, hörte sein Lachen, als er ihr versprach, die Geschenke nicht vor seinem Geburtstag aufzumachen. Warum musste mein Sohn sterben, warum er, der in der Blüte seiner Jugend stand, dachte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie an jedem Geburtstag erlebte Anna in Gedanken seine Geburt.

Am Dienstag, den 18. Dezember 1979 um 7 Uhr früh spürte sie die erste Wehe. Anna hatte sich im Haus ihrer Eltern befunden, das unweit vom Entbindungsheim lag, in dem sie ihr erstes Kind gebären wollte. Zehn Tage über der Zeit, zeigte sie sich froh über das erste Anzeichen der Geburt. Anna packte in Ruhe ihre Sachen zusammen, bevor sie die Eltern weckte. Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter, die selbst sechs Kinder geboren hatte, verwandelte sich in einen sorgenvollen, in einen voller Mitleid, in einen „Wie gerne würde ich dir diese Geburt abnehmen, mein Kind“-Ausdruck. Wird es wirklich so schlimm werden, dachte Anna. Sie wurde von ihrem Vater ins kleine, heimelige Entbindungsheim chauffiert. Die Hebamme, eine ältere, erfahrene Frau, die eine fürsorgliche Ruhe ausstrahlte, empfing sie freundlich.
   Eine einzige Mutter war stationiert, die einen Sohn geboren hatte, zwei Tage zuvor. Anna kannte sie von früher her, es war bereits ihr zweites Kind, auf das Anna neidisch blickte. Die hat es hinter sich, dachte sich Anna, während die Hebamme sie einwies ins Entbindungszimmer und die Öffnung des Muttermundes prüfte, die gerade einmal einen Zentimeter weit war. Annas Vater verabschiedete sich rasch mit einem „Du tust mir so leid mein Kind“-Blick. Er müsse Paul verständigen, der bei der Geburt dabei sein wollte. Er drückte seine große Tapfere, die ihn mit 47 Jahren zum Opa machte. Annas Vater hatte anfangs ein Problem mit dem Großvatersein. Vor sechs Jahren hatte er selbst noch einmal das Vaterglück erleben dürfen, und ein blond gelocktes Mädchen hatte das Kinderquintett in ein Sextett verwandelt.
   Im Laufe des Vormittags verkürzte sich die Zeit zwischen den Wehen, die Schmerzen nahmen an Heftigkeit zu. Mittags erschien Paul, der hilflos wirkte beim Anblick von Annas schmerzverzerrtem Gesicht. Verunsichert und überfordert fühlte er sich. Unbeholfen und ungeschickt benahm er sich. Die Hebamme drückte ihm einen feuchten Waschlappen in die Hand. Paul wischte damit Annas Schweiß von der Stirn und kam sich endlich nützlich vor. Anna wollte nicht liegen bleiben, sie drehte ihre Kreise im Zimmer und auf dem Gang, hielt sich irgendwo fest, während die Wehe sie in die Knie zwang. Wie die Indianer im Hocken zu gebären, wünschte sich Anna. Doch das Platzen der Blase durchkreuzte ihren Plan, und fassungslos sah sie zu, wie das Fruchtwasser über ihre Schenkel floss, um in einer Pfütze zu münden. Nun war sie ans Bett gefesselt, und sie dachte an einen Freund, der sich seit seinem Autounfall vor einigen Monaten nur langsam erholte, der keinen Tag ohne Schmerzen war, der gelernt hatte, damit zu leben und trotzdem Optimismus versprühte. An ihm muss ich mir ein Beispiel nehmen, dachte sich Anna und versuchte tapfer, den in regelmäßigen Abständen „Wie weit ist der Muttermund offen“-Griff über sich ergehen zu lassen. Minimal gedachte sich der Geburtskanal zu weiten, Stunden würde es noch dauern, und Anna fing zu zweifeln an. „Ich hab gar nichts in meinem Bauch“, begann sie resigniert zu jammern. Der Arzt beruhigte sie und widmete sich nach einer ausgiebigen Untersuchung der werdenden Mutter, ausgiebig dem werdenden Vater. Sie debattierten über Gott und die Welt, während sich Anna vor Schmerzen wand. Am Höhepunkt der hitzigen Diskussion über Politik warf Anna beide hinaus, den Arzt und Paul.
   Und dann, um 21 Uhr 10, war es soweit, und ihr Sohn flutschte aus ihr heraus. Ohne Schnitt und ohne Komplikation, nachdem Anna gepresst und gekeucht hatte. „Ich habe einen Sohn geboren“, sagte Anna voller Glücksgefühl, und jeglicher Schmerz verging. Auch Paul badete im Glück, und vergessen war die nervenaufreibende Zeit zuvor. Man ließ die drei allein. Und bevor Paul sich von seiner Familie verabschiedete, schenkte er Anna einen Strauß weißer Nelken und einen Ring. Anna mochte keine Nelken. Wie bei einer Beerdigung, dachte sie und schwieg. Der Ring freute und rührte sie, das kostbarste Geschenk jedoch lag neben ihr. Sie streichelte zärtlich ihren kleinen Prinzen. Sie war Mutter und 21 Jahre jung. „Ich hab das schönste Baby auf der Welt“, strahlte Anna vor Glück. „Mein Leben hat sich verändert, ich hab ein Kind geboren, nun hab ich Verantwortung zu tragen.“

„Mein Leben hat sich verändert, ich habe mein Kind verloren. Nichts ist mehr so, wie es einmal war“, sagte Anna voller Traurigkeit.