Toskana I

Kurz bereute Anna die Entscheidung, in die Toskana zu reisen. Am liebsten wäre sie umgekehrt, als Paul sie zu Claus brachte, doch es war bereits zu spät. Es war die erste Reise allein, seit Julian gestorben war. 176 Tage waren vergangen. Claus signalisierte ihr am Telefon, dass er Ruhe brauche nach einem anstrengenden Familienfest, das er hinter sich hatte. Dass er überschwemmt sei und vorerst lieber allein gefahren wäre. Aus welchen Gründen auch immer zeigte er sich dann doch bereit, Anna mitzunehmen auf diesem langen Weg.
   Zu ihrer Verwunderung war Claus gesprächig und stellte ihr viele Fragen. Sie unterhielten sich ausgezeichnet bis zur Grenze, wo sie Halt machten, Cafe tranken und die Seiten wechselten. Anna chauffierte nun Claus, der froh darüber war. Er hatte nach dem Familienfest auch noch auf seine Pferde zu wetten. Und ein Tag auf der Trabrennbahn zehrte sehr an der Substanz. Wenn die Spannung stieg, brauchte man zur Beruhigung ein Bier, nach jedem Rennen benötigte man wieder eins oder mehr, egal ob man gewonnen oder verloren hatte. Und meistens traten zehn Formationen an.
   Es dauerte nicht lange, bis Claus vernehmbar zu schlafen begann. Die eingetretene Ruhe fand Anna ganz angenehm, der Verkehr ohne LKWs zog sich fließend dahin. Sie gewöhnte sich schnell an den Geländewagen, in dem zu thronen ihr gefiel. Sie schaltete den Tempomat ein und legte eine CD ein. Die Musik übertönte die Schnarchgeräusche von Claus. Anna ließ sich treiben in ihrer Gedankenwelt. Worauf bitte, lasse ich mich da jetzt ein, dachte sie und ein ganz klein wenig wurde ihr bang. Hoffentlich tanzen da nicht diese esoterischen Jungfern an, die mit dem ewig grinsenden Gesicht, die in Vollmondnächten den Fruchtbarkeitstanz vollziehen, die alle Menschen lieben und in einem unverkennbar säuselnden Ton gute Ratschläge geben. Auch wenn sich Anna vermehrt für Spiritismus interessierte, viel bewusster ihr Leben gestaltete, demütig geworden war, hielt sie dennoch die Menschen nicht aus, deren esoterische Gesinnung man schon an der Nasenspitze erkennen konnte.
   Die Fahrt Richtung Grosseto dauerte Stunden, kurz vor dem Ziel erwachte Claus. Auf Italiens angeblich schönste Autobahnrastplatz hielten sie an, labten sich an herzhaft belegtem Ciabattabrot und einem Glas Wein und genossen die Aussicht, die den Ausschlag für diese Auszeichnung gab.
   Fit und ausgeruht übernahm Claus das Steuer. Anna, müde von der langen Fahrt und ihren Gedanken, fühlte sich zu aufgekratzt für den Schlaf. Stattdessen konnte sie sich nicht satt sehen an diesem atemberaubenden Land. Sanfte Hügel, in Grünschattierungen mit Zypressen bestückt, wechselten sich mit dem offenen goldgelben Getreideland ab. Fruchtbare Gebiete mit Obst- und Gemüseanbau, Weinberge, Steilhänge voll von Buschwerk mediterraner Natur. Das Auto schlängelte sich in Kurven den Berg hinauf, während die Sonne im Meer versank. Hin und wieder säumten Kastanienbäume den Weg, doch diese malerische Landschaft war von Olivenbäumen geprägt. Überreste von etruskischen Siedlungen tauchten auf, mittelalterliche Dörfer, auf vulkanischem Tuffstein gebaut, ragten über die Täler.
   Es war Abend geworden, als sie das Ziel erreichten. Schon beim Aussteigen inhalierte Anna die milde, nach Kräutern duftende würzige Luft. Claus trug ihren Koffer ins Haus, begrüßte das Gastgeberpaar auf Italienisch und tauschte sich kurz mit ihnen aus. Dann ließ er Anna allein. Er wurde bereits von Frau und Tochter erwartet, in seinem eigenen kleinen Haus, mitten in einem Olivenhain.
   Das Seminar begann erst am nächsten Tag, und Anna schien der erste Ankömmling zu sein. Das war ihr recht, so konnte sie sich in Ruhe herantasten an die neue Situation. Claus hatte nicht übertrieben, sie fühlte sich benommen von der Schönheit und Wildheit dieses Landes. Seit Julians Tod sah Anna zum ersten Mal wieder bunt. Sie goutierte ihr Zimmer, das einfach, jedoch geschmackvoll ausgestattet war, und richtete sich ein. Anschließend ging sie auf Erkundungstour. Der Blick von der Terrasse reichte über die Täler bis zum Meer. Überwältigt von dieser betörenden Vegetation, den mannigfaltigen Blumen, den blühenden Kakteen, registrierte sie die Rückzugsmöglichkeiten in Form von Nischen mit Bänken, Hängematten, Liegestühlen und erfreute sich an den unzähligen liebevollen, witzigen Details. An einem Baum hingen Glocken, an einem Strauch bunte, spiralförmige Gebilde, die sich drehten im Winde. Ein Brunnen war verschlossen mit einem Gitter, daneben kämpften zwei nackte Ritter mit Schild, Schwert und Helm, während gegenüber gelassen ein rostiger Wecker in Alarmbereitschaft lauerte. Alltagsgegenstände mit neuer Aufgabe dominierten den Platz. Eine ausgediente Lebensmittelwaage leuchtete aus einem Eck, rot gestrichen, drapiert mit einer Pflanze drauf. Eine Badewanne zwischen zwei Sträuchern versteckt, Nähmaschinen, die als Tische dienten, alte Wasserkessel mit Blumen drin. Auf einer Bank zwei Schaufensterpuppen, ohne Kleider und Hosen, in einer Stört-uns-nicht-Pose. Der Mohn blühte, Katzen und Hunde räkelten sich faul im Gras, und in die Stille hinein dominierte das Zirpkonzert mit der toskanischen Grillensymphonie. Wie im Paradies, dachte sich Anna.
   Die Abendkühle ließ sie frösteln, sie wickelte sich in eine Decke ein und legte sich in die Hängematte. Und während sie sanft schaukelte, weinte sie. Sie weinte vor Glück, dass sie diese Schönheit erleben durfte, und sie weinte aus Sehnsucht um ihren Sohn.
   Es war schon spät, so zehn Uhr abends, Anna wiegte sich noch immer in der Matte, als sie einen Wagen kommen hörte. Sie vernahm Stimmen, Schritte und Lachen. Autotüren wurden zugeschlagen. Die Neugier trieb sie zum Haus. Als sie die Stufen hinuntersprang und sich ein „Hallo“ löste, blickten sie zwei Augen an. Augen, die ihr ein wohliges Gefühl bescherten, Augen, die ausgelassen das Leben bejahten, Augen, die Verständnis signalisierten, Augen, denen man vertrauen konnte. In diesem Augenblick funkte es, und eine Freundschaft begann. Eine Freundschaft, verbunden mit Trauer und Lust, wie man sie sich schöner nicht vorstellen kann. Sie machten sich kurz bekannt, Kristin war ihr Name.
   Noch eine Frau mit ihrer Tochter war dabei. Die drei kamen direkt aus München, hungrig und durstig, von der Fahrt geschlaucht, wollten sie ein Lokal aufsuchen. Ob Anna mitkommen wolle, fragte Kristin. „Natürlich“, sagte sie.
   Und als sie in einer netten Taverne gerade noch etwas zu essen bekamen, erzählte jede ein wenig von sich. Andrea, die andere, die sichtlich stolz ihre Tochter Selma präsentierte, fragte Anna, ob sie auch Kinder hätte. Und kaum war diese leidige Frage formuliert, flossen wie immer ihre Tränen. „Eine Tochter hab ich, vor einem halben Jahr ist mein Sohn gestorben“, presste sie heraus. „Halleluja!“, vernahm sie aus Kristins Mund, „Du bist das also!“ Claus hatte sie informiert. Es war totenstill, Betroffenheit hüllte die Frauen ein. Es dauerte, bis sich Kristin wieder gefangen hatte. „Ich werde da sein für dich, ich kenne den Schmerz.“ Sie war also die andere Mutter, die auch ihren Sohn verloren hatte. Das war gut, ein Erleichterungsseufzer stellte sich ein. Anna wollte im Moment nicht mehr darüber reden und wechselte das Thema.