Donnerstag, 11. Dezember 2003

 „Bitte, lieber Gott, mach, dass nichts passiert ist! Bitte, lieber Gott, mach, dass nichts passiert ist!“ Leise diese Worte betend, hastete Anna zu der Wohnung ihres Sohnes. Ihr heftig pochender Pulsschlag raste vom Herz Richtung Kopf, ihre Beine drohten zu versagen, sie ahnte Schreckliches. Diese Angst, diese Panik, diese Ohnmacht kannte sie. Erinnerungen wurden wach. 

Es war im Sommerurlaub in der Türkei gewesen, vor vielen Jahren. Mit einem Motorboot graste Anna mit ihrer Familie und Freunden die Inseln ab. Während eines Inselaufenthaltes zog sich Annas damals neunjährige Tochter Mara auf einen Hügel zurück, um ihre Notdurft zu verrichten. Eine ganze Weile verging. Als die Kleine nicht zurückkam, begann sich Anna zu sorgen und nach ihr zu rufen. Nachdem Mara weder antwortete noch auftauchte, wurde Anna von einer panischen Angst erfasst. In ihrer Phantasie spielten sich Horror-Szenarien ab. Womöglich ist sie den Hügel hinuntergelaufen und in die Klippen gestürzt, schoss es Anna durch den Kopf, begleitet von einem Ohnmachtsgefühl. Unbekümmert, von allem stets abgelenkt, keine Gefahren erkennend, wäre Mara das zuzutrauen.
   Mit klopfendem Herzen rannte Anna die Felsen entlang, den Blick auf die Klippen gerichtet. In der Hoffnung, keinen leblosen Kinderkörper zu entdecken, betete Anna stets dieselben Worte: “Bitte, lieber Gott, mach, dass nichts passiert ist! Bitte, lieber Gott, mach, dass nichts passiert ist!“
   Als Mara mit ausgebreiteten Armen, wehendem Haar, lachendem Gesicht über den Hügel schwebte und „Mama, fang mich auf!“ schrie, schloss Anna das ahnungslose Wesen erleichtert in ihre Arme, erdrückte es beinahe und flennte vor Glück. Ihre Tochter hatte in einer Mulde gehockt und aufgrund des Windes ihr Rufen nicht gehört. Keiner der Mitreisenden konnte sich Annas Aufgelöstheit erklären, niemand vermochte ihre Gedanken- und Gefühlswelt zu verstehen.

Mit derselben Unruhe und den furchtbarsten Gedanken befand sich Anna auf dem Weg zu ihrem Sohn, in der inständigen Hoffnung, ihre Sorge würde sich wie damals in nichts auflösen.
   Julian hatte sich einen ganzen Tag und eine Nacht nicht gemeldet und auf ihre in immer rascherer Folge getätigten Anrufe nicht reagiert. Dieses seltsame Verhalten beunruhigte Anna zutiefst. Julians Gegensprechanlage war defekt, Anna drückte irgendeinen anderen Klingelknopf, und irgendjemand öffnete ihr die Tür. Sie rannte die Treppe hinauf, der „Standard“ vom Vortag lag auf der Fußabstreifmatte. Entweder ist Julian nie weggegangen oder noch nicht wieder nach Hause gekommen, dachte Anna. Sie läutete Sturm, hämmerte gegen die Tür, schrie den Namen ihres Sohnes. Keine Reaktion. Er ist nicht zu Hause, denn sonst würde er mir öffnen, redete sich Anna ein. Und wenn er zu Hause ist …, Anna weigerte sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Ihr Kreislauf spielte verrückt. Ihr Herzrasen beschleunigte sich, Tränen liefen über ihre Wangen. Trotz Übelkeit zündete sie sich eine Zigarette an. Es galt einen kühlen Kopf zu bewahren. Anna klingelte beim Nachbarn, einem älteren Herrn. Sie bat ihn um Papier und Stift und schrieb eine Nachricht sowie ihre Telefonnummer für Hakan, Julians Mitbewohner, darauf.  Er solle sich bei ihr melden.
   Nun eilte Anna zu Johannes, dem Freund ihrer Tochter zurück, der die Sorge mit ihr teilte. Nach zahlreichen Versuchen gelang es ihnen, Hakans Nummer zu eruieren. Seit zwei Tagen befand er sich im Haus seiner Eltern, hatte weder mit Julian gesprochen noch ihn gesehen. Anna wurde schlecht. In einer halben Stunde wolle er in der Wohnung sein, sagte er.
   Wieder hastete Anna, sich wie auf Gummibeinen fühlend, die Wiedner Hauptstraße hinauf. Wieder flehte sie Gott an, dass nichts Schlimmes passiert sei. Zeitgleich mit Hakan ankommend, stürzte sie die Treppe hinauf, in der inständigen Hoffnung, keinen Wohnungsschlüssel in der Garderobe vorzufinden, denn das würde bedeuten, dass Julian nicht zu Hause ist. Beim Anblick des Schlüssels auf der Ablage stockte Annas Atem. Sie rannte ins Wohnzimmer und sah ihren Sohn regungslos am Boden liegen. Annas Herz drohte zu zerspringen. Sie schrie wie noch nie in ihrem Leben.