Mara

Wenn Anna ihre Tochter telefonisch nicht erreichte und Mara Stunden später noch nicht zurückgerufen hatte, verfiel sie in panische Angst um sie. Anna hatte das Vertrauen in die Welt verloren, nahm das Schlimmste an, begann zu rotieren und beruhigte sich erst, wenn sie Maras Stimme vernahm. Auch das Wissen, ihre Tochter dadurch zu belasten, änderte nichts daran. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, vermochte sich nicht von den Fesseln der Angst zu befreien. Mara, die Verständnis dafür hatte, gewöhnte sich ein sofortiges Zurückrufen an. Der Tod ihres Bruders hatte auch ihr Leben verändert, dieses Todeserlebnis, das gnadenlos zeigte, wie schnell alles aus sein konnte. Die Tatsache, dass nichts mehr so war, wie es einmal war. Diese Endgültigkeit, die es zu begreifen galt. Dieses Sehnen, dieses Nicht-Verstehen.
   Viel öfter als früher zog es Mara zu ihrer Familie nach Haus. Anna und Paul freuten sich über ihre Besuche, die wie ein Sonnenstrahl in das düstere Beziehungsduett schien. Da tauchte Anna aus ihrem Trauersee auf, verwöhnte ihr Mädchen, wo es nur ging, und stülpte die früher geteilte Mutterliebe nun ausschließlich über ihre Tochter. Auch Paul, der stets den emotional zurückhaltenden Elternteil mimte, vollzog durch Julians Tod eine Veränderung. Er telefonierte von sich aus mit Mara, zeigte Interesse an ihrem Leben und nahm sich für Gespräche Zeit.
   Anna selbst hatte Angst vor einem Gegenbesuch in Wien, dieser Stadt, die sie mit Julian und seinem Tod verband. Mara ging es umgekehrt, zu Hause kreisten ihre Gedanken ständig um ihn. Anfangs deckte sie automatisch den Tisch für vier, dann brach sie in Tränen aus und sprach über den Verlust ihres Bruders. Sie vermisste den Austausch, den „Großenbruderrat“, der ihr früher total auf die Nerven gegangen wäre. Prinzipiell redete Mara selten über Julian und ihre Trauer. Anna störte es nicht, im Gegenteil, sie wollte das junge Leben ihrer Tochter nicht von Todesgedanken belastet wissen.