Das Haus am See

Den ganzen Herbst über verbrachte sie in regelmäßigen Abständen einige Tage im Haus. Auch über ihre Ehe dachte sie nach. Die Beziehung war durch den Tod von Julian enorm strapaziert, die Trauer konträr ausgelebt worden. Anna trug sie offen zur Schau, Paul still, mit einem Verdrängungsventil. Insgeheim beneidete Anna ihren Mann, weil er das Leben bejahte, bewunderte ihn, weil er souverän seinen Pflichten nachging. Es kränkte sie, dass er mit allen reden konnte, mit allen, außer mit ihr. Paul weigerte sich, seine Gefühle preiszugeben. Nicht, dass er seinen Sohn aus dem Gedächtnis verbannt hätte, Paul sprach oft von Julian, jedoch immer in der Vergangenheit. Anna hatte das Gefühl, dass ihr Paul entglitt, eine Befremdung hatte sich eingestellt. Vermehrt dachte sie an Trennung, fühlte sich unverstanden und ungeliebt. Auch wenn es ihnen zwischenzeitlich besser ging, so richtig zusammenfanden sie nicht.
   Auch von den Menschen in ihrem Umfeld kapselte Anna sich ab. Seit Julians Tod urteilte sie über Banalität und Oberflächlichkeit. Wenn sich Leute über Kleinigkeiten echauffierten, sich über andere mokierten, Gerüchte in die Welt setzten, über ihren Alltag sinnierten, dann hielt Anna das nicht aus. Habt ihr denn keine anderen Sorgen, dachte sie. All das interessierte sie nicht, zu sehr lebte sie in ihrer Welt, in der hauptsächlich die Trauer um Julian zählte. Vielleicht gelte ich als abgehoben und arrogant, dachte sich Anna oft. Aber selbst das war ihr egal. Sie wollte nur ihre Ruhe haben, sonst nichts.
   Mit dieser ablehnenden Haltung stieß sie auch Freunde, die ihr helfen und für sie da sein wollten, zurück. Unbewusst wurde Anna hart und ungerecht. Ihr fehlte die Energie, um sich in andere Menschen hineinzudenken. Das Glück um sie herum ertrug sie nicht. Egoistische Züge nahmen immer mehr Besitz von ihr, und eine unumkehrbare Eigendynamik entwickelte sich.
   In ihrem neuen Domizil kam sie den Konfrontationen aus. Keine Gespräche, keine Verpflichtung, keine Rücksicht, keine Rechtfertigung, keine Beobachtung mehr. Ihre Trauer mit all ihren Auswüchsen lebte sie aus. Anna schrieb sich ihre Wut, ihren Schmerz, ihre Sehnsucht heraus. Immer wieder erlebte sie das Geschehene, von Vorwürfen geplagt. Die Bilder der letzten Tage mit Julian tauchten auf. Die Entladung seiner Probleme, sein Lachen, seine Zuversicht, der letzte Abend mit seinen Freunden, sein letztes Kompliment. Als sie ihn schlafend zum letzen Mal lebendig sah, das Angstgefühl um ihn, als sie ihn telefonisch nicht erreichte, wie sie ihn schlussendlich tot am Boden liegend fand. Anna weinte und schrie. Sie drehte die Lautsprecher auf, damit die Musik ihr Schreien übertönte. Sie malträtierte die Kissen, fluchte und klagte an. Manchmal glaubte sie, den Verstand zu verlieren. Anna wollte nicht verstehen, warum, warum er, warum gerade ihr Sohn.
   Immer öfter kam es vor, dass sie ihren Schmerz betäubte und im Alkohol ertränkte. Mit jedem Schluck löste sich die Schwere auf, mit jedem Schluck strömte eine Leichtigkeit in ihren Körper. Die Gedanken wurden ausgeknipst. Fremdbestimmt gebärdeten sich ihre Gliedmaßen, unnatürliche Lachkrämpfe nahmen überhand. Leicht wie eine Feder schwebte sie und bewegte sich zur Musik. „In diesem Zustand möchtest du mich nicht tanzen sehen“, lallte sie in sich hinein. „Warum hast du mich verlassen, das hast du davon.“ Unbeobachtet, rechtfertigungslos, wiegte sie sich in Sicherheit, gefangen in einem Schleier voll Sucht und Schein. Der Alkohol raffte für einen Moment ihren Schmerz hinweg. Sie log sich an, machte sich etwas vor, der Morgen schleuderte ihr die Wahrheit ins Gesicht. Denn der unauslöschliche Schmerz blieb, hartnäckig zeigte er sich Tag für Tag. Und irgendwann hatte Anna begriffen, dass sie Zeit und vor allem Klarheit brauchte, um das Geschehene zu verstehen. Dass weder der Alkoholkonsum noch ein Anklagen nützte. Dass sie am Tod ihres Sohnes zerbrechen oder diesen Tod als Chance zur persönlichen Entwicklung nützen würde.