Trauerratschläge

 „Sei froh, dass du noch eine Tochter hast“, hörte Anna oft. Natürlich war sie dankbar dafür, trotzdem fehlte ihr Sohn. Und selbst, wenn sie mit einer Kinderschar gesegnet wäre, würde sie ihn vermissen. Natürlich wusste Anna, dass die Menschen, die das sagten, es gut mit ihr meinten, dass der Satz sie trösten sollte. Doch dieser Satz spendete ihr keinen Trost, im Gegenteil, er sorgte für Aggression.
   „Du musst ihn loslassen, deinen Sohn, das wäre gut für seine Seele und für dich.“ Auch dieser Ratschlag, den Anna immer wieder zu hören bekam, von Menschen, die keine Ahnung hatten, wie es ist, ein Kind zu verlieren, regte sie auf. „Wie stellt ihr euch das vor? Neun Monate hab ich meinen Sohn unterm Herz getragen, ihn geboren, ihn behütet, versorgt, erzogen, gefördert, begleitet fast 24 Jahre. Und ein paar Monate nach seinem Tod soll ich ihn loslassen, einfach so. Wie bitte soll das gehen? Gibt es da irgendwo einen Knopf, den man drückt, von dem ich aber nichts weiß?“, fragte Anna genervt. Meist wussten die Guten-Ratschlag-Geber nach dieser Frage keinen Rat.
   Auch der Vorschlag, in Therapie zu gehen, wurde ihr oft nahe gelegt. „Was soll ich dort? Ein Therapeut kann mir meinen Schmerz nicht nehmen. Ich trauere um meinen Sohn, ist das so schwer zu verstehen?“
   „Ich weiß nicht, was ich täte, sollte mir so etwas passieren.“ Bei diesem Satz verfiel Anna in eine Krise. Sie verstand einfach nicht, warum man vor ihr solche Worte aussprach. Es klang, als würden diese Satzaussprecher ihre Kinder mehr lieben als Anna ihren Sohn und sich umbringen vor Gram. Niemand kann beziehungsweise will sich den Tod eines eigenen Kindes vor Augen führen. Was sich jedoch Menschen mit diesem unsensiblen Satz von Anna erwarteten, entzog sich ihrer Vorstellungskraft. Kapiert ihr nicht, dass ein Teil von mir mitgestorben ist, wollte sie oft schreien. Stattdessen wandte sie sich ab und zog sich mehr und mehr zurück.