Annas 50. Geburtstag

Sonnenstrahlen kitzelten Anna wach. Heute werde ich vom Himmel fallen, dachte sie leicht aufgeregt. Es war Dienstag der 19. August 2008. Zu ihrem fünfzigsten Geburtstag hatte sie sich einen Fallschirm-Tandemsprung gewünscht. Als sie das Gartenhaus betrat um ihren Kaffee einzunehmen, fand sie zu ihrer Überraschung eine Torte vor, gebacken von einer Mutter aus ihrer Selbsthilfegruppe. Mittags wurden sie und Paul von Freunden abgeholt und zu einem kleinen Flugplatz nach Bayern gebracht. Die Sonne brannte vom Himmel, keine Wolken in Sicht, ein Sommertag, wie es einer Löwin gebührt. Annas Schwester Marie, ihre Nichte Sophie und Mara schneiten als Überraschungsgäste herein. Alle schienen nervöser als Anna zu sein. Nach einer zweistündigen Wartezeit, die sie auf Liegestühlen und Hängematten verbrachten, während sie die herabschwebenden Menschen betrachteten, wurde Anna in den Hangar geholt. Umarmt und gedrückt von der Familien- und Freundesschar, entließ man sie. Aufmunternde Worte und Wünsche begleiteten Anna, die ihr Flugfallabenteuer mit einem jungen hübschen Mädchen teilte, das aussah wie der Filmstar Angelina Jolie. Die Flugbegleiter stellten sich vor, mit einem abenteuerlich draufgängerischen Blick, die Zigarette lässig im Mundwinkel hängend. Tom, der Größere, schnappte sich „Angelina“, Robert, dem Kleineren, blieb Anna. Man duzte sich von Anfang an. Die Frauen wurden in einen Raum gebracht und bekamen einen Overall verpasst. Ein kurzes Trockentraining folgte, die Handzeichen zur Verständigung wurden erklärt. Am Fluggelände herrschte eine besonnene Trägheit vor. Die Männer rauchten wie die Schlote. Mit einer Routiniertheit falteten sie bedächtig die Fallschirme zu. Der Funkverkehr bestimmte die Konversation und die Zeiten der Flüge. Als sie in voller Montur auf das Rollfeld schritten, kam sich Anna leicht verwegen vor. Und während sie auf das Flugzeug warteten, wusste Anna, dass sie in ein neues Leben springen würde. 1714 Tage waren vergangen, sie wollte das schwere Trauerkleid abstreifen, nach vorne schauen und gespannt darauf vertrauen, was die Zukunft brächte. Anna lächelte in die Kamera hinein. Ein Videofilm über ihr Sprungabenteuer gehörte zum Geschenk dazu.
   Zu fünft quetschten sie sich in den Laderaum einer kleinen Cessna hinein. Dicht zwischen Roberts Beinen an seine Brust gelehnt, atmete Anna dessen penetranten Nikotin-Atem ein. Wenigstens einen Kaugummi oder ein Erfrischungszuckerl hätte er zu sich nehmen können, dachte Anna. Wahrscheinlich hätte Robert lieber die „Filmschöne“ zwischen den Beinen statt mich, vermutete sie und schmunzelte. Und die Cessna steuerte mit einem Höllenlärm eine Höhe von 4000 Metern an. Immer kleiner wurden die Häuser, Felder, Bäume und Wiesen, bis das Erdenbild ihren Blicken entschwand. Es wurde kurz gescherzt, die Handzeichen wurden wiederholt, die Damen an die Begleiter festgeschnallt, die Brillen aufgesetzt. „Jetzt wird es ernst“, hörte Anna Robert sagen. Ein leicht mulmiges Gefühl schlich sich in Annas Körper ein. Sie schüttelten einander die Hand. Alle sammelten sich. „Anna, bist du bereit?“, fragte Robert. Das klingt ja wie ein Eheversprechen, dachte sie. Sie atmete tief durch und spürte eine Ganzkörpervibration. „Ja, ich bin bereit“, sagte Anna, und ein purer Angstanflug holte sie ein, als sie nach unten blickte. Der Kameramann stieg aus und hielt sich am Flugzeugflügel fest, damit er ihren Sprung filmen konnte. Und bevor Anna zum Denken kam, schob Robert sie sanft in den Himmel hinein. Kurz schnappte sie nach Luft. Diese paar Sekunden des total freien Falls bekam sie nicht mit, zu schnell fielen sie. Erst als der kleine Fallschirm gezogen wurde und Anna sich auf ein Zeichen hin in die Vertikale begab, hätte sie schreien können vor Glück. Dieser Zustand des Fliegens war so unbeschreiblich schön, dass sie sich wünschte, für immer da oben zu bleiben. Zirka 50 Sekunden flog sie mit 200km/h über der Welt. Sie schaute dem Kameramann ins Gesicht, schnitt Grimassen und winkte. In 1500 Meter Höhe öffnete sich der Fallschirm, und Anna schwebte. Robert forderte sie auf, das Steuern des Tandemschirms zu übernehmen. In weiten Bögen segelten sie der Erde entgegen. Leicht wie ein Vogel kam sich Anna vor, Robert am Rücken spürte sie nicht. Wie eine Feder glitten sie zu Boden. Sanft, wie im Trockentraining gelernt, landeten sie. „Gut gemacht“, lobte Robert und umarmte Anna.